Impulse

Seite im Aufbau, einfach hin und wieder vorbeischauen und Inspirieren lassen.

Hier schreiben Pfarrer Hans-Jürgen Koller und seine Pfarreimitarbeiter gelegentlich spirituelle, nachdenkliche und informative Text ein, die neue Impulse setzten sollen.

Die Texte werden selbst geschrieben oder es sind Textfunde, die gesonderter gekennzeichnet sind.

Viel Spaß beim durchsehen und entdecken von neuen, eigenen Impulsen.

  1. Texte aus der Zeitschrift vom Verein „andere Zeiten“.
  2. Meditationen
  3. Texte aus dem Magazin „Image“

– Schritt für Schritt durch die Passionszeit.

– Lebensmotto – nein danke!

– Eine radikale Bewegung

– Wenn Verzweiflung ausbricht

zurück zum Inhaltsverzeichnis


Schritt für Schritt durch die Passionszeit

Fasten-Wegweiser wandeln 2026

Wie beim Pilgern geht es auch beim Fasten ums Aufbrechen und Unterwegssein. Um Berge und Täler, die es zu besteigen und zu durchqueren gilt, um Weggemeinschaft und oft auch um das, was jeder Mensch an Ballast im Rucksack mit sich trägt. Der Weg ist herausfordernd, aber viele Menschen gehen gestärkt und erfüllt aus dieser Zeit hervor Unser Fasten- Wegweiser wandeln 2026 begleitet Sie mit täglichen Impulsen durch die Fastenwochen: Texte von namhaften Autorinnen und Autoren wie zum Beispiel Etty Hillesum, Gerhard Schöne und Julia Engelmann wechseln sich ab mit Gedichten, kreativen Übungen und Fragen zur Reflexion. An den Sonntagen lesen Sie persönliche Texte aus der Andere Zeiten-Redaktion zu den sieben Schlüsselworten der schwedischen Pilgertheologie: Einfachheit, Unbekümmertheit, Freiheit, Stille, Teilen, Langsamkeit und Spiritualität. Sie beschreiben wesentliche Erfahrungen des Pilgerns – und zugleich drücken sie Sehnsüchte und Haltungen aus, die wir auch in der Fastenzeit erleben können. Die vielschichtigen und feinsinnigen Illustrationen stammen in diesem Jahr von der Künstlerin Ramona Ring.

Hier bestellen: anderezeiten.de/bestellen

Text und Bild: andere Zeiten e.V.

zurück zur Übersicht Texte aus der Zeitschrift vom Verein „andere Zeiten“


Lebensmotto – nein danke!

Ich habe einen Trend verpasst. Wobei – nein, eigentlich scheint das keine neumodische Angelegenheit zu sein. Vielleicht habe ich eher eine lebensentscheidende Weichenstellung verpasst. Aber von vorne: In der Redaktionssitzung zu diesem Magazin warf eine das Thema auf: „Lasst uns doch mal was über das Lebensmotto von Menschen machen! Zum Beispiel: >Wer weiß, wofür es gut war!< Das hat meiner Oma oft geholfen!“

Ich gestehe: In diesem Moment, war ich gedanklich raus. Lebensmotto, dachte ich, wer hat schon so was. Ich schweifte also innerlich ab und bereitete mich auf die Präsentation meines eigenen Themas vor. Nur mit einem Ohr hörte ich die euphorischen Einwürfe der Kolleg:innen: „Versuch macht kluch!“ – „Lebe, lache, liebe!“ Und je länger ich dem Hin- und Herwerfen von möglichen Mottos zuhörte, desto mehr wuchs mein Widerstand: „Euer Ernst? Findet ihr so einen Multifunktionsspruch wirklich sinnvoll?“ – „Bietet Orientierung! Gibt Sicherheit! Hilft mir, Entscheidungen zu treffen! Erinnert mich daran, was mir wichtig ist!“, waren nur ein paar der postwendenden Antworten.

Wenige Tage später saß ich im Wohnzimmer einer Freundin und blickte auf ein ölgemäldegroßes Wandtattoo: „Carpe diem!“ Heute kann ich sagen: Ich habe mich ganz bewusst entschieden. Ich will und ich werde mir kein Lebensmotto suchen.

Zunächst stoße ich mich an der Zeitvorgabe. Ein Lebensmotto heißt für mich: Es begleitet mich mein Leben lang. Aber ist mein Leben dafür nicht viel zu bunt und vielfältig, sind die einzelnen Phasen nicht viel zu unterschiedlich? Als ich zwanzig war, hätte ich gut etwas Zuspruch brauchen können:  Du bist gut so, wie du bist! Mit 35 vielleicht eher etwas Gelassenes: Du musst nicht alles perfekt machen! Und heute? Keine Ahnung. Ich frage die KI nach einem Lebensmotto für 50+. Sie schlägt mir Goethe vor: „Alt wird man wohl, wer aber wird klug?“ Na, danke auch.

Ich spüre schon wieder meinen Widerstand: Wieso muss ich mich mit diesen Allgemeinplätzen auseinandersetzen – mich daran messen, sie verwerfen und weitersuchen? Wieso soll ich meinem Leben eine Überschrift geben? Mal angenommen, die hieße: „Von nichts kommt nichts.“ Was würde ich dann genau heute eigentlich anders machen? Wo sind die Berufstätigen, die in ihrem Job ihren Traum leben? Und wenn mich das Leben in die Knie zwingt, will ich übrigens gerade keinen Limbo tanzen.

Mein Leben ist keine Mottoparty. Ich will und werde hoffentlich nicht aufhören zu fragen, was mir wichtig ist. Möchte Werte in den Blick nehmen und mich daran ausrichten. Ehrlichkeit, Humor und Ruhe such und brauch ich. Diese Werte kann ich für mich formulieren und sie im Herzen tragen. Manchmal ziehe ich auch Kraft aus biblischen Versen. An die Wand oder auf meine Fußmatte schreiben muss ich sie aber nicht. Et kütt doch sowieso, wie et kütt.

Text: Iris Macke

Quelle: Andere Zeiten – Das Magazin zum Kirchenjahr, Heft 01/2026, Hamburg, Andere Zeiten e.V., www.anderezeiten.de

zurück zur Übersicht Texte aus der Zeitschrift vom Verein „andere Zeiten“


Eine radikale Bewegung

Die Bibel erzähl davon, dass Jesus den Jüngern an Gründonnerstag die Füße wusch. Was macht diese Praxis so revolutionär – bis heute? Von Friedrich Eckhardt

Es ist der Duft vom Lavendelöl, der mich am stärksten an jene Gründonnerstage in Graz erinnert. Lavendel, weil er beruhigt. Weil der den Raum verwandelt. Und weil er stark genug ist, um die Nervosität zu übertönen – meine eigene und die der Menschen, die zögernd vor mir stehen.

Für jede waschende Person haben wir einen Stuhl aufgestellt und davor Schüsseln, in greifbarer Nähe Thermoskannen mit warmem Wasser und Handtücher.

Mitten im öffentlichen Raum in Graz – am Südtiroler Platz nahe der Straßenbahnstation, in der Fußgängerzone und vor einem Einkaufszentrum. Unser Team besteht aus Pfarrer:innen und Ehrenamtlichen verschiedener Konfessionen: evangelisch, römisch-katholisch und altkatholisch. Vorher haben wir untereinander geübt. Gewaschen zu werden und sich waschen lassen – beides wichtige Erfahrungen.

Aber die Versuche bereiten mich nicht auf diese Intimität vor. Darauf, dass ich die Füße fremder Menschen in meine Hände nehme. Dass ich Hornhaut spüre, Narben, manchmal Zehennägel, die nicht perfekt sind. Und ja, manchmal ist da ein Moment des Zögerns in mir: Schaffe ich das?

Doch genau in diesem Moment geschieht etwas Merkwürdiges. Die Hemmschwelle, die unsere Kultur so sorgfältig pflegt, verschwindet. Was bleibt, ist ein Mensch. Ein verletzlicher Mensch, der mir seinen Fuß oder seine Hand anvertraut – für manche ist es leichter, sich die Hand waschen zu lassen. Für mich macht es keinen Unterschied. Ob ich einen Fuß oder eine Hand wasche: Die Distanz weicht und eine Nähe entsteht, die fast erschreckend ist in ihrer Direktheit.

Die Passante:innen reagieren unteschiedlich. Manche gehen schnell weiter, mit agewandtem Blick. Als hätten wir etwas angeboten, das zu intim ist für die Öffentlichkeit. Andere bleiben stehen und schauen. „Meine Füße sind nicht shcön genug“, saen sie und gehen weiter. Als müsste man Voraussetzungen erfüllen für einen Liebesdienst.

Und dann erlebe ich die Momente, die alles rechtfertigen. Eine ältere Frau setzt sich. Sie hatte gefragt: „Wirklich? Sie machen das?“ Ihre Stimme hatte leicht gezittert. Als ich ihre Füße ins warme Wasser tauche, blicke ich in ihre Augen. Sie schließt sie  und ich sehe, wie berührt sie ist. Später erzählt sie mir, dass ihr Mann im Pflegeheim liegt. Dass niemand sie mehr berührt. „Ich hatte vergessen, wie sich das anfühlt, sagt sie, „dass jemand für mich da ist.2

Was Jesus tut, war ein Skandal

Im Katholisch geprägten Umfeld erkennen einige sofort das Ritual, nicken wissend. Andere sind irritiert, dass wir es aus dem geschützten Kirchenraum und der Liturgie herausgeholt haben, hinein ins Treiben der Stadt. „Das gehört doch in die Kirche“, höre ich. Als ob das Heilige Mauern bräuchte, um heilig zu bleiben.

Was Jesus am Abend vor seinem Tod getan hat, war ein Skandal. Der Lehrer wäscht die Füße seiner Schüler. Der Herr kniet vor den Dienern. Diese Umkehrung aller Hierarschien verstört uns bis heute. Denn wenn Jesus, der Christus, sich so tief hinabbeugt, was sagt das über Macht? Über Würde? Über den Weg nach oben?

Die Fußwaschung ist kein Wellness-Ritual. Sie ist kein Akt der Hygiene. Sie ist Hingabe. Vollständige, bedingungslose Hingabe. Und genau das macht sie zu einem Mysterium, das uns im Innersten berührt. Hingabe heißt: Ich gebe mich preis.

Ich werde verletzlich. Ich nehme die unterste Position ein – freiwillig.

In unserer Leistungsgesellschaft, in der wir uns ständig nach oben arbeiten, größer, besser, erfolgreicher werden wollen, ist diese Bewegung nach unten radikal. Sie stellt alles infrage. Sie fragt: Was, wen wahre Größe darin besteht, klein zu werden? Was, wenn Liebe bedeutet, dem anderen zu dienen, ohne Gegenleistung?

Bei der Fußwaschung berühren wir – wörtlich und im übertragenen Sinn – Themen, die wir sonst vermelden. Scham spielt eine große Rolle. Viele Menschen schämen sich für ihre Füße, für ihre Bedürftigkeit, dafür, dass sie Zuwendung brauchen. Ein junger Mann zögert, er möchte etwas zahlen.

Es braucht Überzeugung, bis er versteht, dass diese Art von Fußwaschung keine Gegenleistung verlangt. Und dann ist da das Thema Berührung: Wir leben in einer Gesellschaft, in der Berührung selten geworden ist. Entweder ist sie sexualisiert oder professionalisiert – ist Intimität oder Dienstleistung. Die Fußwaschung ist etwas Drittes, reine Zuwendung. Genau das irritiert und heilt zugleich. Und es geht um Vertrauen: Wer sich von einem Fremden die Füße waschen lässt, vertraut darauf, dass diese Geste gut gemeint ist. Das keine Manipulation dahintersteckt.

Vielleicht berührt uns die einfach Handlung der Fußwachung so tief, weil sie daran erinnert, was wir vergessen haben: dass wir einander brauchen. Dass Größe in der Demut liegt. Dass Liebe konkret wird in der Berührung, im Sich-Hinknien, im Dienen. Die Fußwaschung ist ein Gegenentwurf zu einer Welt, in der jeder für sich kämpft. In der Schwäche versteckt werden muss. In der Dienen als Niederlage gilt. Sie sagt: Es gibt einen anderen Weg. Einen Weg, der in der Hingabe Erfüllung findet.

Begreife ich, was Liebe bedeutet?

Wenn ich heute Lavendel rieche, denke ich an die Augen der Menschen. Und ich denke an die Frage, die Jesus seinen Jüngern stellte: „Begreift ihr, was ich an euch getan habe?“ Vielleicht ist das die Frage, die wir uns alle stellen sollten.

Nicht nur am Gründonnerstag. Sondern jeden Tag, wenn wir anderen begegnen. Begreife ich, was Liebe bedeutet? Bin ich bereit, mich hinzuknien?

Die Fußwaschung lädt uns ein, das Leben vom Boden herz zu denken. Von unten, wo die Füße sind, die uns tragen. Von dort, wo wir verletzlich sind. Und vielleicht ist genau das die Botschaft von Gründonnerstag: dass Gott uns dort begegnet, wo wir meinen, am weitesten von ihm entfernt zu sein. In unserer Bedürftigkeit. In unserer Unvollkommenheit. In unseren müden, staubigen Füßen, die jemand in die Hand nimmt und liebevoll wäscht.

                                                                                              (Friedrich Eckhardt)

Zeitansage

Am Abend vor seinem Tod trifft Jesus sich mit seinen Freunden zum Sederabend, mit dem das siebentägige Passahfest beginnt. Gemeinschaft und Abschied, Erinnerung und Schmerz liegen am Gründonnerstag nah beieinander. Johannes erzählt als einziger der Evangelisten davon, wie Jesus sich zum Diener seiner Jünger macht und ihnen die Füße wäscht. Nicht jeder ist gleich bereit, diese Geste der Hingabe anzunehmen. Doch Jesus bleibt dabei – auf diese Weise geht Gottes Kraft auf die Apostel über, sie werden Teil von ihm, erklärt er. Jesus wusste, dass er zum letzten Mal mit seinen Freunden essen würde. Deshalb sagte er beim Weiterreichen des Brotes: „Dies ist mein Leib“ und beim Wein: „Dies ist mein Blut“. So würde er ihnen auch in Zukunft ganz nah sein. Und das gilt für Christen noch heute, wenn sie Abendmahl beziehungsweise Eucharistie feiern.

Quelle: andere zeiten – Das Magazin zum Kirchenjahr, Heft 1/2026, Hamburg, Andere Zeiten e.V.

www.anderezeiten.de

zurück zur Übersicht Texte aus der Zeitschrift vom Verein „andere Zeiten“


Wenn Verzweiflung ausbricht

An Karfreitag ist Jesus ganz Mensch. Fühlt sich mutterseelenallein. Er schreit nach Gott. Hilft Beten gegen die Einsamkeit?

Verlassen von seinen Liebsten, verachtet von der Gesellschaft und voller Verzweiflung schreit Jesus am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mk 15,34)

Alles, was sein Leben einmal ausmachte, ist weg. Das Ende aller Träume. Bittere, schmerzhafte Einsamkeit.

Unruhig zu fragen, was denn nun hilft, hieße auszuweichen. Karfreitag fordert mich vielmehr heraus, Verzweiflung anzuerkennen – als meine Realität, als Realität einer Person, mit der ich mitfühle, als Realität dieser Welt. Der verzweifelte Schrei am Kreuz konfrontiert mich mit dem, was ich nicht aushalte: eine Situation, in der nichts mehr hilft.

Undosierte Verzweiflung darf häufig nicht sein. In unserer Gesellschaft zählen Strahlen und Erfolg, es herrscht eine toxische Positivität. Der Freundeskreis ist überfordert. Die eigene Scham will die Verzweiflung nicht wahrhaben. Auch in der Kirche hat sie häufig keinen Platz. Weil Kirche doch eigentlich Trost und Sinn vermitteln will, tut auch sie sich mit offener Verzweiflung schwer.

Doch Verzweiflung anzuerkennen ist allein schon etwas. In einem Raum, in dem meine Verzweiflung und meine Einsamkeit da sein dürfen, in dem ich sie wie Jesus rücksichtslos herausschreien kann, werde ich ehrlich und gewinne an Authentizität. Wagen andere diese Ehrlichkeit mit mir – im Gespräch, in der Stille oder im Gottesdienst – , bin ich mit der Einsamkeit und der Verzweiflung nicht mehr ganz allein. Gemeinsam entsteht eine „Solidarität der Trostlosen“, wie es der in der Nachkriegszeit aufgewachsene Theologe Henning Luther (1947-1991) ausdrückte. Diese Solidarität der Trostlosen ist für mich der positive Sonn von Karfreitag.

Einsamkeit hat viele Gesichter. Sie ist keine Frage des Alters. Lebensverändernde Einschnitte bürden uns dem Schmerz der Einsamkeit auf: Wenn eine Beziehung zerbricht, wenn ein Unfall uns jäh aus der lieb gewonnenen Normalität des Lebens reißt oder wenn eine Krankheit diese unerbittlich schleichend zerstört. Auch die Hinterbliebenen spüren die Einsamkeit der Trauer.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass mich Gebete bei harten Einschnitten gestützt haben. Ich habe mich an vertrauten Gebetstexten und Liedern festgehalten. Sie haben mir etwas von den früher vertrauten Gewissheiten in die ungewisse Gegenwart geholt. In der Krise kann es stützen, wie ein Kind zu beten, wenn andere Stützen wegbrechen. Gott im Gebet das zu sagen, was mich im Innersten bewegt, weitet meine Perspektive über mein ständiges Grübeln hinaus. Mich mit dem, was keinen anderen Platz hat, an Gott zu wenden, entlastet, weil ich meine Sorgen nicht allein tragen muss.

Ich kenne aber auch die Erfahrung, dass harte Einschnitte eine Gottverlassenheit hervorrufen, aus der ich mich wieder herausbeten oder herausklagen kann. Manches Böse, das mir oder anderen widerfährt, kann ich mit dem Glauben an einen guten Gott nicht vereinbaren. Diese Erfahrung inmitten einer Lebenskrise verstärkt das Gefühl der Einsamkeit, weil ich nicht mehr bei Gott anknüpfen kann. Zusammen mit den Lebensträumen zerbricht auch der Glaube.

Doch wie umgehen mit der Gottverlassenheit? Manche Menschen machen sich in der Krise neu auf die Suche. Manche ringen mit alten Glaubenswahrheiten und entwickeln neue Glaubensperspektiven, die angesichts der neuen Lebensrealitäten (vorerst) Sinn ergeben. Sehe ich trotz und in allem Leid eine Spur Gottes, der ich folgen kann? Muss ich über Gott ganz neu nachdenken?

Andere wiederum machen die Erfahrung, dass sich an der Gottverlassenheit nichts ändert. Sie legen den Kreuzschmuck ab, den sie sich bisher täglich um den Hals banden, weil sie ihn nicht mehr tragen können. Und sie machen die Erfahrung, dass sie ohne Gott in der Krise bestehen können und dass sie andere Lebensquellen finden. Die Krise zwingt uns, religiös erwachsen zu werden. Menschen finden unterschiedliche Wege in und aus der Krise, manche mit Gott, manche ohne Gott.

Manche Einsamkeit ist politisch. Unsere Gesellschaft stigmatisiert Menschen in Armut und mit Krankheiten, LSBTIQ-Personen und Alleinerziehende – und schließt sie so aus. Wie kann ich mich für ein Miteinander einsetzen, in dem alle ihren Platz haben? Das Gefühl des Verlassenseins kann auch dann entstehen, wenn ich dazu neige, meine Mitmenschen ind mich selbst vor allem negativ wahrzunehmen. Wer hat mich nicht alles schon enttäuscht und abgelehnt? Bin ich es überhaupt wert, dass sich andere für mich interessieren?

Trotz oder gerade wegen dieser Zweifel: Ich kann mir vornehmen, eine Woche lang jeden Tag im Gebet Gott dafür zu danken, dass wir Menschen – ich und die anderen – Gottes wunderbare Geschöpfe sind (Psalm 139,14). Ich kann versuchen, jeden Tag aktiv auf einen anderen Menschen zuzugehen. Viele Menschen sind freundlicher, als man denkt.

                                                                                                                      von Felix Roleder

Zeitansage: Karfreitag

Es ist ein Tag der Tränen: Das Wort Karfreitag kommt von „chara“ (althochdeutsch) und das bedeutet Trauer, Wehklage. Jesus wurde als Gotteslästerer und Aufrührer an den römischen Statthalter Pilatus überstellt. Der fand keine Schuld an ihm, doch der öffentliche Druck war so groß. Und so ließ er ihn auf Golgotha, einem Hügel von Jerusalem, kreuzigen. Dass Gottes Sohn auf diese Weise gestorben ist, zeigt, dass er die Schmerzen und Qualen ausgestanden hat, die auch Menschen aushalten müssen: Gott ist im Sterben den Menschen ganz nahe. Er ist keine entrückte Macht, sondern kennt auch unseren größten Schmerz und unser tiefstes Leid. Und das ist eine gute Botschaft: „Good Friday“ – so heißt der Karfreitag in Großbritannien. Die Briten folgen damit Martin Luther, der vom „Guten Freitag“ sprach. Das grausame Ende wurde drei Tage später nach Jesu Auferweckung zum Hoffnungsgrund für Christinnen und Christen.

Wenn Verzweiflung ausbricht / aus: andere zeiten – Das Magazin zum Kirchenjahr, Heft 1/2026, Hamburg, Andere Zeiten e.V.,  www.anderezeiten.de

zurück zur Übersicht Texte aus der Zeitschrift vom Verein „andere Zeiten“


– Frei sein von Helene Renner

– Ostern 2026

zurück zum Inhaltsverzeichnis


Frei sein

Ich möchte gerne frei sein von der Angst
gegen den Strom zu schwimmen,
damit ich tun kann, was recht ist.

Ich möchte gerne frei sein vom Zwang
immer an mich zu denken,
damit ich auch die anderen nicht übersehe.

Ich möchte gerne frei sein von der Versuchung
stets den bequemsten Weg zu gehen,
damit ich mich mit gutem Gewissen
freuen kann über das Erreichte.

Ich möchte gerne frei sein von der Lieblosigkeit
gegenüber denen, die mir nicht liegen,
damit ich glaubwürdig sein kann.

Ich möchte gerne frei sein von Neid und Habsucht,
damit ich bereitwillig teilen kann
mit denen, die es so dringend brauchen.

Ich möchte gerne frei sein von Schuld und Versagen,
damit ich fröhlichen Herzens
täglich neu beginnen kann.

Text: Helene Renner

Quelle: predigtforum.at

zurück zur Übersicht Meditationen

Foto: Vladislav Belyavski (unsplash.com)


Ostern 2026

„Ich bin auferstanden und bin immer bei dir!“

Das ist die Botschaft Jesu für jeden von uns.

Die Antwort unseres Glaubens ist: „Du hast deine Hand auf mich gelegt. Wie wunderbar ist für mich dieses Wissen!“ Die „Apostolin der Apostel“ Maria von Magdala stammelte „Rabbuni!“ und Thomas „Mein Herr und mein Gott!“ Die Apostel und Martyrer gaben dafür ihr Leben hin: „Der Herr ist wahrhaft auferstanden!“ Bischof Sailer schreibt: „Christus lebt! Davon gibt es täglich neue Proben. Wir wollen von ganzem Herzen daran glauben – bis wir es erfahren.“

Das Bild von Laine Collet d´Herbois „“Noli me tangere“ und die Präfation zum Fest der Hl. Maria Magdalena laden uns dazu ein, dass auch wir „den Mut haben, zu bezeugen, dass Christus lebt, damit wir ihn einst schauen in Herrlichkeit.“ (Tagesgebet)

 So wünschen wir die Kraft aus diesem Glauben die Vorbereitung und die Feier von Ostern zu gestalten und aus diesem Glauben ihre tiefe Bedeutung zu erfahren.

Der Text stammt von:
Prof. Dr. Konrad Baumgartner und
Marie-Luise Januszewicz

zurück zur Übersicht Meditationen


– Der Himmel im Himmel

– In der Welt der Arbeit

– Faith Blog

– Lass mal darüber Nachdenken – wo ich Gott wirklich in meinem Leben spüre.

– Was bedeutet für mich…? Vergebung

zurück zum Inhaltsverzeichnis


Der Himmel im Himmel

Es war nicht mehr fünf vor zwölf, sagt Eric. Es war fünf nach zwölf. Der Alkohol. Ich konnte nicht mehr ohne. Dann kam der Tag, vor vier Jahren. Ich sah mich ganz unten. Und ging direkt in den Himmel. Also in die Entzugsklinik. Das war meine Rettung, sagt Eric. Dort gab es etwas, was sein Leben änderte. Einen Raum für Kraftsport. Der Himmel im Himmel. Der Sport wurde Erics Leben. Das zweite leben. Auch seinen Beruf übt er wieder aus. Er ist Koch. Jetzt Chefkoch in einem Hotel in Hessen. Alles voller Himmel, sozusagen. Es war schwere Arbeit. Heute weiß ich, sagt Eric, dass nicht ich mich gerettet habe. Aber was war es? Eric weiß es nicht. Dabei schaut er nach oben, Richtung Himmel. Da ist sein Vater. Der war immer stolz auf seinen Sohn. Und Eric auf seinen Vater. Der ihn alleine großgezogen hatte. Vor dem Eric nicht versagen wollte. Aber kurz davor war. Bis der Himmel kam. Und der Himmel im Himmel. In allem war vielleicht sein Vater. Was weiß ich, sagt Eric und schaut wieder nach oben. Jemand hat auf mich achtgegeben, sagt er. Und sagt noch leise Richtung Himmel: Danke.

Text: Michael Becker

Foto: Stefanie Kalb

zurück zur Übersicht Texte aus dem Magazin „Image“


In der Welt der Arbeit

Manches scheint immer gleichzubleiben in der Welt der Arbeit: Die sogenannte „Care-Arbeit“, das Sorgen und Sich-Kümmern vor allem für Menschen, die Unterstützung brauchen, ist unter- oder unbezahlt und ist weiblich. Hohe Systemrelevanz (auf den Punkt gebracht: Ohne Care-Arbeit bricht alles zusammen) bei geringer Anerkennung. Da ist Wandel Notwendig. Wandel, der in anderen Bereichen der Arbeitswelt ja auch möglich ist. Der heutige Umfang des Homeoffice wäre vor zehn Jahren noch undenkbar gewesen.
Neben dem notwendigen Wandel gibt es auch Entwicklungen, die neben Chancen auch gewaltige Risiken bieten. Welche Auswirkungen der sich weiter steigende Einsatz Künstlicher Intelligenz in der Arbeitswelt haben wird, ist in vollem Umfang noch gar nicht abzusehen: Welche Berufe werden zukünftig wegfallen?
Welche Berufe neu entstehen? Wird Arbeit anders gewichtet – auch was Anerkennung und Bezahlung betrifft?
Bei allem Wandel kann der christliche Blick auf die Arbeitswelt ein hilfreicher Maßstab sein: Die Arbeit dient dem Menschen und nicht der Mensch der Arbeit.
Es gibt ein Recht auf Arbeit; darauf, aus eigener Kraft den Lebensunterhalt bestreiten zu können. Und zugleich dürfen die nicht diskriminiert werden, die nicht arbeiten können. Arbeit ist ein Teil
der Würde des Menschen und hat deshalb der Menschenwürde zu entsprechen – was die Arbeitsbedingungen angeht wie auch die Entlohnung. Unabhängig davon, wer was wo und wie arbeitet. Die skizzierten Punkte können auch ein Maßstab sein für den Einsatz Künstlicher Intelligenz, die immer dem Menschen zu dienen hat.

Text: Malte Hagen Olbertz

zurück zur Übersicht Texte aus dem Magazin „Image“


Faith Blog

Ein heiteres Bild. Sonnenschein. Eine grüne Wiese. Ein „Meer“ von Blumen. Mittendrin ein Fremdkörper, ein „Bremser“ der guten Laune, etwas, das wehtut. Was ich sehe, ist eigentlich ein Parkplatz. Ein Parkplatz für Seelsorger. Unberechtigt Parkende werden abgeschleppt, doch hier parken nicht einmal mehr die, die es dürften. Seelsorge – braucht man das noch oder kann das weg? Wenn ich darunter frömmelnde Ermahnungen verstehen würde, würde sie mir nicht fehlen. Doch Seelsorge ist für mich ein Ausweg, den ich manchmal dringend brauche. Nicht immer, nicht einmal oft, aber immer wieder. Und ich glaube, nicht nur ich. Die Zahl der Menschen, die unter seelischen Erkrankungen leiden, wächst beständig: Seit Corona, seit Klimakatastrophe und Kriegsgefahr. Es gibt so vieles, unter dem die Seele leidet – im Großen wie im Kleinen. Da ist Seelsorge vonnöten: Von lieben Menschen und von Profis. Ärzten und Geistlichen. Gut, wenn sie keinen Parkplatz suchen müssen, sondern schnell zur Hand sind.
Ich brauche die Sorge um meine Seele. Für sie sorgt auch Gott. Doch der braucht keinen Parkplatz! Gut ist es, wenn ich um meine Bedürftigkeit weiß, wenn ich mir und anderen und Gott eingestehe, dass ich nicht alles allein schaffe.

Foto: Michael Tillmann

zurück zur Übersicht Texte aus dem Magazin „Image“


Lass mal drüber NACHDENKEN…

Foto: Peter Kane

wo ich Gott wirklich in meinem Leben spüre.
Ich verspüre inneren Druck, als Gläubige für diese Frage eine ausgeklügelte und durchdachte Antwort zu haben. Deshalb spreche ich mit meinen Freundinnen, meinen Lehrerinnen und meiner Familie darüber, wo und wie sie Gott spüren. Vielleicht haben sie einen Blickwinkel, den ich teile oder eine Formulierung, die mir bisher fehlte. Es ist hilfreich, eine Meinung oder einen Gedanken zu übernehmen, besonders bei einer so komplizierten Frage.
Aber ist es nicht zu einfach, Meinungen und Ansichten lediglich zu übernehmen?
Ich glaube, dass dieses Gott nicht entspricht. Die Verbindung zu Gott ist bei jedem anders und somit kann die Antwort bei jedem anders sein. Die Frage nach Gott stellt sich in jedem Lebensabschnitt und ermöglicht immer neue und andere Antworten. Macht diese Dynamik den Glauben aus? Es kann wohl keine eindeutige und für alle geltende Antwort geben.
Meine Freundin Clara spürt Gott in einem Sonnenuntergang, weil für sie Gott Schönes erschafft. Andere fühlen Gott in anderen Menschen, weil sie sie unterstützen. Wenn ich mich geliebt fühle, spüre ich Gott. Viele Menschen besuchen die großen französischen Kathedralen – vielleicht suchen sie dort manchmal unbewusst Gottes Nähe. Man kann Gott aber bestimmt auch in sich selbst fühlen oder Gott als das Lebendige an sich definieren.
Mit Gott im Herzen kann ich mich auf meinen Glauben ver-lassen. Ich glaube, dass Gott in meinem Glauben ist und, dass es seine Kraft ist, die mich glauben lässt.
Text: Philine S. Rieske

zurück zur Übersicht Texte aus dem Magazin „Image“


Was bedeutet für mich ..?
Vergebung

Ben: Wieso schaust du denn so mies?
Was ist passiert?
Matthias: Ach, weißt du noch, als ich Julian erzählt habe, dass ich wahrscheinlich die Klasse nicht schaffe?
Ben: Klar, das hattest du uns ja beiden gesagt.
Matthias: Genau. Naja, ich hatte euch ja damals darum gebeten, das erstmal für euch zu behalten, weil es mir unangenehm ist. Und gestern hat Julian es lautstark rumerzählt.
Ben: Oh, das ist ja ehrlich mies. Was willst du denn jetzt machen?
Matthias: Keine Ahnung. Ich bin schon sehr genervt davon! Habe auch nicht wirklich Lust, mit ihm zu reden.
Ben: Verständlich. Aber ich glaube, ihr müsst reden, du kannst ja nicht für immer sauer sein. Du musst ihm verzei-
hen.
Matthias: Das werde ich, denke ich auch – irgendwann, aber gerade ist es einfach zu früh. Und außerdem muss dafür ja auch was von ihm kommen.
Ben: Natürlich! Für Vergebung braucht es immer zwei Seiten. Ich finde, es gehört zum Beispiel auch eine Entschuldigung dazu. Aber für mich bedeutet Vergebung hauptsächlich, dass man nach einer bestimmten Zeit und vielleicht einem Gespräch beginnt, über die Sache hin-wegzusehen. Das heißt ja nicht direkt, dass man sie vergisst, sondern einfach anfängt, damit zu leben und im besten Fall auch wieder mit der Person klarkommt. Beide können ja auch aus der Sache lernen.
Und wenn du ihm jetzt ver-zeihst, dann verzieht sich vielleicht auch die Wut und Enttäuschung
Matthias: Also meinst du, wir sollten doch mal reden?
Text: Johannes Brunner

Foto: picture alliance/

Westend61/Gary Waters

zurück zur Übersicht Texte aus dem Magazin „Image“